0/8 Kapitel
Kapitel 5 · IP-basierte Produktion

🎬 SMPTE ST 2110

Der Standard für IP-basierte professionelle Medienproduktion – Video, Audio und Metadaten als separate IP-Ströme.

🎯
Lernziele
  • ST 2110 Suites (2110-10/20/30/40) erklären
  • Unterschied SDI vs. ST 2110 erläutern
  • PTP (Precision Time Protocol) in ST 2110 erklären
  • NMOS IS-04, IS-05, IS-07 definieren
  • NMOS IS-07 für Tally/GPIO erklären
  • ST 2110-30 Paketabstände (Class A / Class C) berechnen
  • Wireshark-Analyse von ST 2110-Streams verstehen

Was ist SMPTE ST 2110?

SMPTE ST 2110 ist eine Familie von Standards für den Transport professioneller Medien (Video, Audio, Metadaten) über IP-Netzwerke in Echtzeit. Im Gegensatz zu SDI (Serial Digital Interface) werden Video, Audio und Hilfsdaten in separate, unabhängige IP-Ströme aufgeteilt.

📺
SDI (alt)
  • Alles in einem Kabel: Video + Audio + Metadaten
  • Punkt-zu-Punkt Verbindung
  • Feste Leitungslänge begrenzt
  • Teures proprietäres Equipment
  • Keine Flexibilität
🌐
ST 2110 (neu)
  • Video, Audio, Metadaten: separate IP-Ströme
  • Standard IP/Ethernet-Infrastruktur
  • Flexible Routing-Matrizen per Software
  • IT-Kompatibilität
  • Skalierbar (UHD, 4K, 8K)

ST 2110 Dokumenten-Suite

StandardInhaltBasis
ST 2110-10System Timing (Synchronisation)PTP (IEEE 1588)
ST 2110-20Unkomprimiertes Video über IPRTP/UDP/IP
ST 2110-21Traffic Shaping (Sender-Verhalten)
ST 2110-22Komprimiertes Video über IPJPEG XS, J2K
ST 2110-30PCM-Audio über IPAES67
ST 2110-31AES3-Audio über IPAES67
ST 2110-40Hilfsdaten / Metadaten (VANC)RTP/UDP/IP

PTP – Precision Time Protocol

Da Video, Audio und Metadaten unabhängig übertragen werden, müssen alle Geräte auf eine gemeinsame Zeitbasis synchronisiert sein. PTP (IEEE 1588v2) erreicht Genauigkeiten im Nanosekunden-Bereich – hundertmal genauer als NTP.

Schritt 1: Best Master Clock Algorithm (BMCA) – Grandmaster-Wahl

Bevor irgendetwas synchronisiert wird, muss das Netzwerk entscheiden, wer die Zeitreferenz (Grandmaster) ist. Jedes PTP-fähige Gerät sendet regelmäßig Announce-Nachrichten, die Informationen über seine Uhr enthalten:

  • Priority 1Manuell konfigurierter Vorrangwert (0–255, niedriger = besser). Ein GPS-synchronisierter Grandmaster bekommt Priority 1 = 128, alle anderen = 255.
  • Clock ClassGibt die Qualitätsstufe an. Klasse 6 = GPS-synchronisiert, Klasse 135 = aus GPS verloren, Klasse 248 = Freilauf (Default). Niedrigere Klasse gewinnt.
  • Clock AccuracyGenauigkeit der Uhr, z.B. 0x21 = besser als 100 ns, 0x2E = besser als 1 µs. Feinere Genauigkeit gewinnt bei gleicher Klasse.
  • Clock IdentityEindeutige 64-Bit-ID (EUI-64, abgeleitet aus MAC-Adresse). Tiebreaker bei gleichen Werten.
💡

BMCA vergleicht eingehende Announce-Nachrichten nach dieser Priorität. Das Gerät mit den besten Werten wird Grandmaster. Fällt der Grandmaster aus, wählt BMCA automatisch den nächstbesten Kandidaten.

Schritt 2: PTP-Hierarchie im Netzwerk

⏱️
PTP Hierarchie & Clock-Typen
🛰️ Grandmaster Clock (GNSS/GPS-synchronisiert)
Ordinary Clock mit einem Port · sendet Announce + Sync alle 125 ms
↓ Sync / Follow_Up
🔀 Boundary Clock (PTP-fähiger Switch)
Slave upstream · Grandmaster downstream · terminiert PTP-Pakete
↓ Sync / Follow_Up
📷 Slave Clock
Kamera
🎙️ Slave Clock
Audio Interface
🖥️ Slave Clock
Medienserver
Ordinary Clock
Ein Port. Entweder Grandmaster oder Slave.
Boundary Clock
Mehrere Ports. Synchronisiert sich upstream, ist GM downstream. Empfohlen für ST 2110.
Transparent Clock
Korrigiert Residence Time in Paketen, ohne eigene Synchronisation. Für einfachere Netze.

Schritt 3: Der 4-Timestamp-Mechanismus

PTP synchronisiert einen Slave auf den Master durch vier Zeitstempel in zwei Nachrichtenpaaren. So kann der Slave seinen Uhrenversatz (Offset) und die Laufzeit (Delay) berechnen:

Master (Grandmaster)
Slave (Kamera / Switch)
① Sync t1 gestempelt
t2 gestempelt Empfang
Follow_Up → liefert exaktes t1
t1 bekannt
Empfang t4 gestempelt
② Delay_Req t3 gestempelt
Delay_Resp → liefert t4 an Slave
t4 bekannt → Berechnung
Formeln: Offset & Delay berechnen
Pfadverzögerung (Link Delay)
Delay = ((t2−t1) + (t4−t3)) / 2
Uhrenversatz (Clock Offset)
Offset = ((t2−t1) − (t4−t3)) / 2

t1 = Master sendet Sync  ·  t2 = Slave empfängt Sync  ·  t3 = Slave sendet Delay_Req  ·  t4 = Master empfängt Delay_Req
Der Slave korrigiert seine Uhr um den berechneten Offset – so erreicht PTP Genauigkeiten im Nanosekunden-Bereich.

Schritt 4: Der Synchronisations-Servo-Loop

Das einmalige Berechnen von Offset und Delay reicht nicht – Uhren driften ständig. PTP korrigiert kontinuierlich:

1
Messen: Grandmaster sendet alle 125 ms ein Sync-Paket. Der Slave misst t1–t4 und berechnet aktuellen Offset.
2
Filtern: Ein PI-Regler (Proportional-Integral) glättet Messschwankungen durch Jitter und Netzlast-Spitzen.
3
Korrigieren: Der Slave passt seine lokale Uhr an – entweder per Step (einmaliger Sprung > 1 µs) oder Slew (langsames Nachführen bei kleinen Abweichungen).
4
Lock: Nach dem Einregeln ist der Slave locked – typisch < 100 ns Abweichung. Das System überwacht kontinuierlich und korrigiert Drift.
Typische Werte für ST 2110: Sync-Intervall 125 ms · Delay-Request-Intervall 1 s · Zielgenauigkeit < 100 ns · Lock-Zeit ~30 s nach Start
📋
Klausur-Zusammenfassung PTP

BMCA wählt den Grandmaster anhand Priority 1 → Clock Class → Clock Accuracy → Clock Identity.
4 Timestamps: t1 (Master sendet) · t2 (Slave empfängt) · t3 (Slave sendet Delay_Req) · t4 (Master empfängt)
Offset = ((t2−t1) − (t4−t3)) / 2    Delay = ((t2−t1) + (t4−t3)) / 2
Boundary Clock in Switches = empfohlen für ST 2110 · TTL = 1 bei PTP-Paketen (link-local)

💡
Warum braucht ST 2110 PTP?

Video (2110-20), Audio (2110-30) und Metadaten (2110-40) kommen von verschiedenen Geräten und laufen unabhängig durchs Netzwerk. Am Empfänger müssen sie wieder exakt zusammenpassen – eine Millisekunde Versatz produziert hörbaren Lippensync-Fehler. PTP sorgt dafür, dass alle Geräte auf die gleiche Zeitbasis synchronisiert sind.

NMOS – Networked Media Open Specifications

NMOS (von AMWA, Advanced Media Workflow Association) sind offene APIs zur Steuerung und Verwaltung von ST 2110-Systemen:

  • NMOS IS-04 Discovery & Registration – Automatische Erkennung und Registrierung von Geräten (Nodes, Sources, Senders, Receivers) im Netzwerk. Jedes Gerät registriert sich beim Registry.
  • NMOS IS-05 Connection Management – API zum Aufbau und Abbau von Verbindungen zwischen Sendern (Senders) und Empfängern (Receivers). Ersetzt traditionelle Routing-Matrizen.
  • NMOS IS-07 Event & Tally – Überträgt Steuersignale/GPIO-Zustände. Eine Quelle kann ihren Zustand (z.B. On-Air-Tally) veröffentlichen und abonnierte Empfänger werden automatisch informiert.
  • NMOS IS-08 Audio Channel Mapping – Flexibles Routing von Audio-Kanälen. Ermöglicht, einzelne Kanäle aus Multi-Channel-Streams zu extrahieren.
📋
Klausurfrage 2024 (1 Punkt)

„Erläutern Sie, wofür NMOS IS-07 genutzt wird."

Antwort: „Ein Protokoll, das es einer Quelle ermöglicht, ihren Zustand zu veröffentlichen und ihre Zustandsänderungen an abonnierte Empfänger zu übermitteln. Es ist die Tally-GPIO-Funktion bei SMPTE 2110."

ST 2110-30 Paketabstände & Payload-Berechnung

ST 2110-30 definiert Audio-Pakete mit festen Zeitabständen. Der Standard unterscheidet zwei Klassen:

Class A – Ultra Low Latency

  • Paketabstand: 125 µs
  • Samples pro Kanal @ 48 kHz: 6 Samples
  • Einsatz: Studio-Monitoring, sehr latenzreiche Anwendungen
  • Höhere Paketrate, mehr Overhead

Class C – Standard Broadcast

  • Paketabstand: 1 ms
  • Samples pro Kanal @ 48 kHz: 48 Samples
  • Einsatz: Standard Broadcast, normaler Produktionsbetrieb
  • Geringere Paketrate, effizientere Übertragung
📋
Klausuraufgabe: Payload-Berechnung ST 2110-30

Aufgabe: Berechnen Sie die Paketgröße für einen ST 2110-30 Audio-Stream (Class C, 8 Kanäle, 48 kHz, 24 Bit).

Schritt-für-Schritt: Payload-Berechnung (Class C)
Samples pro Kanal: 48 kHz × 1 ms = 48 Samples
Bytes pro Sample: 24 Bit = 3 Bytes
Kanäle: 8 Kanäle
Audio-Payload: 48 × 3 × 8 = 1.152 Bytes
+ RTP-Header: 12 Bytes
+ UDP-Header: 8 Bytes
+ IPv4-Header: 20 Bytes
+ Ethernet-Header: 14 Bytes
Gesamtpaket: 1.152 + 12 + 8 + 20 + 14 = 1.206 Bytes

Wireshark-Analyse von ST 2110-Streams

In der Klausur / im Praktikum werden ST 2110-Streams mit Wireshark analysiert. Wichtige Techniken:

  • Decode As → RTP ST 2110-Audio läuft über UDP. Wireshark erkennt RTP nicht automatisch. Rechtsklick auf ein UDP-Paket → Decode As → RTP – danach zeigt Wireshark RTP-Header, Timestamp und Sequence Number korrekt an.
  • PTP TTL = 1 PTP-Nachrichten (Delay_Resp, Sync) haben TTL = 1. Das bedeutet: sie sind link-local – sie verlassen nie das direkte Subnetz. Der Router wirft das Paket weg, sobald der TTL auf 0 sinkt.
  • Multicast 239.x.x.x ST 2110-Streams nutzen den administrativen Multicast-Bereich 239.0.0.0/8 (RFC 2365). Diese Adressen sind für interne Netzwerke reserviert und werden nicht ins Internet geroutet.
  • RTP Sequence Number Wireshark zeigt fortlaufende RTP-Sequenznummern. Lücken (z.B. Sprung von 1234 auf 1236) zeigen Paketverlust. Für 1 ms-Pakete bei 48 kHz bedeutet jedes fehlende Paket 48 Samples Audiolücke.
💡
Warum TTL = 1 bei PTP?

PTP (IEEE 1588) ist ein Protokoll für die lokale Synchronisation. Boundary Clocks in den Switches übernehmen die Zeitinformation und leiten sie lokal weiter. Ein TTL von 1 verhindert, dass PTP-Pakete über Router hinweg ins WAN gelangen und dort Uhren in fremden Netzen synchronisieren.

Selbsttest

← SRT SNG →